Offener Brief von Bewohner:innen einer Gemeinschaftsunterkunft in Lobeda West an den Stadtrat

++ Лист українською мовою знаходиться нижче на сторінці ++

Bewohnerinnen und Bewohner der Geflüchteten-Unterkunft in der Matthias-Domaschk-Straße 2 haben sich heute in einem offenen Brief an den Stadtrat und die Stadtverwaltung gewendet. Unterstützt werden sie dabei von der Stadtteilgewerkschaft Lobeda Solidarisch.

„Wir halten die Zustände in unserer Unterkunft nicht mehr länger aus.“

sagt uns eine Bewohnerin, die lieber anonym bleiben möchte. Sie habe sich oft beim Sozialamt beschwert und vor zwei Monaten sogar einen Brief an den Oberbürgermeister geschrieben. Darauf sei nie eine Antwort gekommen. Deswegen würden sie und andere Bewohner:innen sich jetzt an die Öffentlichkeit wenden. In dem offenen Brief fordern die Bewohner:innen den Austausch der Leitung, eine respektvolle Behandlung und die Wahrung ihrer Rechte. Der ganze Offene Brief auf russisch und auf deutsch ist am Ende dieses Beitrags zu finden.

Die Unterkunft wird zwar von der Stadt betrieben, allerdings von einer Sicherheitsfirma geleitet. Die Chefin dieser Firma hat keine Kompetenzen in der Sozialen Arbeit, und ihr Umgang mit den Bewohner:innen ist häufig unprofessionell und autoritär.

“Wir erleben seit einiger Zeit eine willkürliche Behandlung und Schikane durch die Security in unserer Einrichtung. Die Security agiert aggressiv, schreit uns an und setzt willkürliche Regeln durch.”

So werden entgegen geltendem Recht die Zimmer und Taschen der Bewohner:innen durchsucht. Zudem wird überwacht, wo Menschen sich aufhalten, wenn sie verreisen. Bewohner:innen werden bestraft durch zusätzliche Putzdienste, oder indem wichtige Briefe vorsätzlich nicht ausgeteilt werden.  Die Leitung ist darüber informiert und hat viele dieser Maßnahmen selbst angeordnet. Sie hat in der Vergangenheit immer wieder russischsprachiges Personal gezielt gekündigt oder versetzt.

„Die Bewohner:innen die zu uns in die Beratung kamen, waren extrem verzweifelt. Am schlimmsten ist, denke ich, wirklich diese autoritäre Behandlung. Dort wird den Leuten das Gefühl gegeben, ihr seid nichts wert und eure Rechte interessieren uns nicht. Und weil die Menschen gerade erst Deutsch lernen und keine Netzwerke haben, ist es total schwer sich zu wehren.“

Tamara (Mitglied von Lobeda Solidarisch)

In der Unterkunft leben ausschließlich Menschen aus der Ukraine, die schwere, oft chronische oder langwierige oder psychische Krankheiten haben und sich in medizinischer Behandlung befinden. Deshalb ist ein besserer Gesundheitsschutz in der Unterkunft eine weitere wichtige Forderung des offenen Briefes. Bisher wurden ärztliche Atteste und verordnete Diäten oft nicht eingehalten und nicht anerkannt, auch nötige Infektionsschutz-Maßnahmen wurden regelmäßig nicht getroffen. Weiterhin stellt die Essensversorgung eine große Belastung dar.

“Wir alle müssen 150€ unserer Leistungen für die Pflegeheimverpflegung in der Unterkunft bezahlen. Unabhängig davon, ob wir das (Weiß-)Brot mit Butter und Wurst zwei Mal am Tag essen oder nicht. Auch für kleine Kinder wird dieser hohe Betrag berechnet. Unser Geld reicht durch den verpflichtenden Beitrag nicht dafür aus, eigenes Essen zu kaufen.”

Aufgrund dieser Umstände haben die Bewohnenden der Unterkunft Forderungen aufgestellt. Diese beinhalten unter anderem einen Wechsel der Unterkunftsleitung mit einer qualifizierten Person, im besten Fall eine russisch- oder ukrainischsprechende Sozialarbeiter:in oder Übersetzende. Zudem wird die Beendigung der unrechtmäßigen Zimmerdurchsuchungen und Taschenkontrollen gefordert, und das Recht sich frei außerhalb der Unterkunft zu bewegen, ohne angeben zu müssen wohin. Außerdem, dass die Bewohnenden sich selbst versorgen dürfen und die monatlichen Verpflegungskosten dann nicht zahlen zu müssen.

„Wir wünschen uns einfach ein möglichst normales Leben hier zu führen, unsere alltäglichen Bedürfnisse selbst befriedigen zu können.“


Offener Brief

Sehr geehrte… 

wir sind Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft in der Matthias-Domaschk-Straße 2 und wollen unseren Unmut über die Situation in der Gemeinschaftsunterkunft öffentlich machen. 

Wir bitten Sie, uns zuzuhören und unsere Kritik ernst zu nehmen.  

Wir sind alle aus der Ukraine geflohen und müssen medizinisch versorgt werden. Alle Bewohner:innen leiden unter physischen oder psychischen Erkrankungen. Wir wollen menschlich und gerecht behandelt werden.  

Wir erleben seit einiger Zeit eine willkürliche Behandlung und Schikane durch die Security in unserer Einrichtung. Die Security agiert aggressiv, schreit uns an und setzt willkürliche Regeln durch. So wurden einige Zimmer ohne Ankündigung oder Legitimation durchsucht, teilweise sogar in unserer Abwesenheit. Außerdem wurden Taschenkontrollen durchgeführt. Bewohner:innen werden bestraft durch zusätzliche Putzdienste, oder indem wichtige Briefe vorsätzlich nicht ausgeteilt werden. All dies verstößt gegen deutsches Recht. Die Leitung ist darüber informiert und hat viele dieser Maßnahmen selbst angeordnet. Sie hat in der Vergangenheit immer wieder russischsprachiges Personal gezielt gekündigt oder versetzt. Auf Protest und Kritik reagiert sie abweisend, mit Strafen, oder gar nicht. Sie ist aus unserer Sicht für den Leitungsposten nicht qualifiziert, da sie keine  sozialarbeiterischen Kompetenzen hat, und über keine professionellen Fähigkeiten im Umgang mit den Bewohner:innen verfügt. 

Weiterhin stellt die Essensversorgung eine große Belastung dar. Wir alle müssen 150€ unserer Leistungen für die Pflegeheimverpflegung in der Unterkunft bezahlen. Unabhängig davon, ob wir das (Weiß-)Brot mit Butter und Wurst zwei Mal am Tag essen oder nicht. Notwendige medizinische Diäten werden nicht eingehalten. Auch für kleine Kinder wird dieser hohe Betrag berechnet. Wir dürfen nur sehr eingeschränkt selbstständig kochen und unser Geld reicht durch den verpflichtenden Beitrag nicht dafür aus, eigenes Essen zu kaufen. 

Weiterhin müssen wir alle verpflichtend die Speisen im gemeinsamen Essensaal einnehmen, ungeachtet unserer körperlichen Beeinträchtigungen. Hygienestandards beim Austeilen werden nicht immer beachtet. 

Wir finden, dass die Unterbringung von Kindern, zusammen mit schwer oder chronisch kranken Menschen nicht gut zusammenpasst. Es gibt in der Unterkunft nicht genug Platz für Kinder zum Spielen und keine geeigneten Räume für Familien. Auch dadurch das häufig Menschen mit sehr unterschiedlichen Leiden, Krankheitsgeschichten und Bedürfnissen ein Zimmer teilen müssen entsteht eine große Belastung.

Deshalb fordern wir:  

1. Wechsel der aktuellen GU-Leitung aufgrund eklatanter Missstände. Die neue Leitung soll qualifiziert sein, zum Beispiel mit einem sozialwissenschaftlichen Hintergrund. 

2. Am besten wäre eine russisch-/ ukrainischsprachige Sozialarbeiter:in. Ist dies nicht möglich sollte zumindest eine Übersetzer:in zeitweise in der Unterkunft ansprechbar sein. 

3. Beendigung der unrechtmäßigen Zimmerdurchsuchungen und Taschenkontrollen durch die Security. Die Privatsphäre der Bewohner:innen muss gewahrt bleiben. 

4. Keine Überwachung, wo wir uns außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft aufhalten. Abschaffung der Pflicht, die Aufenthaltsadresse anzugeben. 

5. Die Möglichkeit selbst zu kochen, sowie die monatlichen Verpflegungskosten dann nicht zahlen zu müssen. Bereitstellung passender medizinischer Diäten. 

6. Angemessene Gesundheitsversorgung mit Anerkennung und Beachtung aller ärztlicher  Atteste, Befreiungen, Diäten sowie angemessenen Quarantäne-Maßnahmen. 

7. Einzelzimmer für alle erwachsenen Bewohner:innen, da alle durch den Krieg traumatisiert sind und zumeist an weiteren Erkrankungen leiden. 

8. Die Erlaubnis, Gäste in unseren Zimmern zu empfangen (damit Familie aus der Ukraine zu Besuch kommen kann).

9. Ausreichend funktionierende Waschmaschinen und freien Zugang zu den Waschmaschinen und Balkonen. 

10. Unterstützung bei der zeitnahen Unterbringung unserer Kinder in Kita oder Schule, sowie Unterstützung bei der Wohnungssuche. 

Wir hoffen auf eine schnelle Verbesserung unseres alltäglichen Lebens in der Gemeinschaftsunterkunft Matthias-Domaschk-Straße 2. Wir wünschen uns einen respektvollen Austausch darüber, wie unsere Forderungen umgesetzt werden können.  

Zur Kontaktaufnahme können Sie uns über folgende E-Mail-Adresse erreichen: 

kontakt@lobeda-solidarisch.de 

Mit freundlichen Grüßen, 

Bewohner:innen der Gemeinschaftsunterkunft Matthias-Domaschk-Straße 2 und Stadtteilgewerkschaft Lobeda Solidarisch! 

(Dieser Brief ist durch die Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern von Lobeda Solidarisch! und Bewohner:innen der Gemeinschaftsunterkunft entstanden. Die Forderungen stammen von den Bewohner:innen. Der Text wurde gemeinsam formuliert.)


Открытое письмо

Уважаемые… 

Мы – жители общежития по адресу Matthias-Domaschk-Straße 2 и хотим публично выразить свое недовольство ситуацией в общежитии. Просим вас выслушать нас и отнестись  к нашей критике со всей серьезностью.  

Мы все вынуждены были бежать из Украины и нуждаемся в медицинской помощи. У всех жителей физические или психические заболевания. Мы хотим, чтобы с нами обращались гуманно и справедливо.  

В последнее время мы сталкиваемся с произвольным обращением и издевательствами со стороны охраны нашего общежития. Служба безопасности ведет себя агрессивно, кричит на нас и вводит произвольные правила. Так, некоторые комнаты были обысканы без предупреждения или обоснования, частично когда мы отсутствовали. Кроме того, проводятся досмотры сумок. Жильцов наказывают дополнительными уборками или умышленно не выдают важные письма. Все это противоречит немецкому законодательству.  

Руководство было проинформировано об этом и частично само распорядилось о многих из этих мер. В  прошлом оно неоднократно увольняло или переводило на другую работу русскоязычный персонал. На протесты и критику оно реагирует отстраненно, наказаниями, или вообще никак. По нашему мнению, актуальное руководство не квалифицировано для руководящей должности, поскольку не имеет компетенции в области социальной работы и не обладает профессиональными навыками в общении с жильцами. 

Кроме того, питание представляет собой большую нагрузку. Мы все должны платить 150  евро в месяц за питание в общежитии. Независимо от того, хотим ли мы есть (белый) хлеб с маслом и колбасой два раза в день. Необходимые медицинские диеты не соблюдаются. Эта сумма взимается даже с маленьких детей. Кроме того, мы все обязаны  принимать пищу в общем зале, независимо от наших физических ограничений. Также не всегда  соблюдаются гигиенические нормы при раздаче еды. Мы можем готовить самостоятельно только в очень ограниченном объеме, а наших денег не хватает на покупку собственной еды из-за обязательного взноса. 

Кроме того, мы считаем, что размещение детей вместе с больными гражданскими лицами и ветеранами не является удачным решением. Совместное проживание в одной комнате создает большую нагрузку. В помещении нет достаточно места для игр детей и нет подходящих комнат для семей.  

Поэтому мы требуем:  

1. Смену нынешнего руководства общежития из-за вопиющих нарушений. Новое руководство должно быть квалифицированным, например, иметь образование в области социальных наук. 

2. Лучше всего было бы иметь социального работника, говорящего на русском/украинском  языке. Если это невозможно, то по крайней мере переводчик должен быть доступен в общежитии в определенное время. 

3. Прекращение незаконных обысков комнат и досмотров сумок со стороны службы безопасности. Необходимо соблюдать права жильцов на частную жизнь. 

4. Прекращение слежения за тем, где мы находимся вне общежития. Прекращение обязанности, сообщать адрес посещения, если мы уезжаем. 

5. Предоставление альтернативного питания, а также возможность не платить 150 евро в месяц за питание, если мы сами готовим свою еду. 

6. Адекватное медицинское обслуживание с признанием и соблюдением всех медицинских справок, освобождений, диет, а также адекватных карантинных мер. 

7. Одноместные комнаты для всех взрослых жителей, поскольку все они травмированы войной и часто страдают от других заболеваний. 

8. Разрешение принимать гостей в наших комнатах (чтобы семья из Украины могла приехать в гости, например, путем предоставления гостевой комнаты). 

9. Достаточное количество исправных стиральных машин и свободный доступ к стиральным машинам и балконам. 

10. Своевременное размещение наших детей в детском саду или школе.  

Мы надеемся на быстрое улучшение нашей повседневной жизни в общежитии Matthias-Domaschk-Straße 2. Мы хотим уважительного и достойного обмена мнениями о том, как мы можем реализовать эти требования. 

Вы можете связаться с нами по следующему адресу электронной: kontakt@lobeda-solidarisch.de

С уважением, 

жители общежития Matthias-Domaschk-Straße 2 и районный профсоюз Lobeda Solidarisch! 

Это письмо было составлено благодаря сотрудничеству между членами Lobeda Solidarisch! и  жителями общежития. Требования выдвинуты жителями. Текст был сформулирован совместно.